Sexualität
Gesamtheit der Lebensäusserungen
Sexualität bezeichnet im engeren biologischen Sinne die Gegebenheit von (mindestens) zwei verschiedenen Fortpflanzungstypen (Geschlechtern) von Lebewesen derselben Art, die nur jeweils zusammen mit einem Angehörigen des (bzw. eines) anderen Typus (Geschlechts) zu einer zygotischen Fortpflanzung fähig sind. Hier dient die Sexualität einer Neukombination von Erbinformationen, die aber bei manchen Lebensformen auch durch der Sexualität ähnliche, nicht polare, Rekombinationsvorgänge ermöglicht wird.
Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinne bezeichnet der Begriff die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern. Bei vielen Wirbeltieren hat das Sexualverhalten zusätzliche Funktionen im Sozialgefüge der Population hinzugewonnen, die nichts mehr mit dem Genomaustausch zu tun haben müssen, so dass dann die handelnden Partner auch nicht unbedingt unterschiedlichen Geschlechts sein müssen.
Im weiteren Sinn bezeichnet Sexualität die Gesamtheit der Lebensäusserungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen von Lebewesen in Bezug auf ihr Geschlecht. Zwischenmenschliche Sexualität wird in allen Kulturen auch als ein möglicher Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen verstanden.
Lustempfinden
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Rolle der Sexualität, die eigentliche Fortpflanzungsfunktion verliert nach dem Klimakterium ihre Bedeutung, und Sexualität ist nicht mehr zwangsläufig auf den Geschlechtsverkehr als zentralen Akt sexuellen Lustempfindens ausgerichtet. Je nach persönlicher Veranlagung bleiben Erotik und Lust jedoch ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung oder ihres individuellen Bedürfnisses nach sexuellem Kontakt als jüngere Menschen sexuell nicht sehr häufig oder ungern Sexualverkehr hatten, werden dies im Alter eher nicht verändern, während sexuell sehr aktive Menschen diese Aktivität bis ins hohe Alter hinein erhalten können. Zärtlichkeit, Bindung und Nähe werden für viele ältere Menschen wichtiger. Teilweise verändern sich die bevorzugten Praktiken und Stellungen, meist als Folge einer Anpassung an eine geänderte körperliche Verfassung, oder weil das Lustempfinden sich verändert, beispielsweise durch eine empfindlichere Haut im Vaginalbereich oder eine notwendige direktere Stimulation im Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion.
Wesentliche Grundlage für eine erfüllte sexuelle Beziehung ist nach Studien eine vertraute, vertrauende und intime Beziehung, in der körperliche Veränderungen und eventuelle Einschränkungen nicht als Behinderung, sondern als Option für eine neue, dem Alter und dem Erfahrungshorizont angepassten Möglichkeit des Ausdrucks von Zärtlichkeit, körperlicher und emotionaler Nähe verstanden wird. Ein gesundes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, mit der eigenen, sich verändernden Ästhetik umzugehen, hat ebenfalls eine wesentliche Bedeutung für einen schamfreien und entspannten Umgang mit der eigenen Sexualität.
Amerikanische Sexualwissenschaftler stellten 2007 in Befragungen fest, dass auch das Erreichen sexueller Erfüllung über Masturbation im letzten Lebensdrittel für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt. Etwa die Hälfte aller Männer und ein knappes Viertel aller Frauen gaben an, sich selbst zu befriedigen. Hierbei wurde deutlich, dass sich dabei die Zahlen zwischen Alleinstehenden und in festen Partnerschaften lebenden Menschen nur unwesentlich unterschieden; dies also in allen Lebensformen als Teil der Sexualität empfunden wurde. In Partnerschaften masturbierten 52 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen, ähnliche Zahlen ergaben sich für allein lebende Männer (55 %) und Frauen (23 %).
Beeinträchtigungen sexueller Funktionen
Das Bedürfnis nach sexuellen Kontakten richtet sich in allen Altersgruppen nach individuellen Vorlieben und der persönlichen Neigung. Dabei verändert sich die Sexualität im Laufe des Lebens, möglicherweise hin zu einer eher auf Nähe und Zärtlichkeit ausgerichteten Form des sexuellen Kontakts, der nicht zwingend den Geschlechtsverkehr zum Inhalt hat. Körperliche Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen, sind überwiegend hormonell bedingt. Insbesondere der Abfall des Oestrogenspiegels kann bei Frauen zu einer veränderten Libido, einer anderen Empfindsamkeit und Veränderung der Sekretmenge in der Vagina führen. Bei Männern verursacht der Abfall des Testosteronspiegels und die Herabregulation der Hormonrezeptoren, der etwa ein Drittel der 60jährigen und mehr als 80 Prozent der über 80jährigen Männer betrifft, eine weniger starke und dauerhafte Erektion und macht häufig eine direktere sexuelle Stimulation notwendig. Weitere mögliche Beeinträchtigungen sind:
- Verändertes sexuelles Verlangen: Neben klar zuordenbaren körperlichen Ursachen können auch verschiedene andere Gründe zu einer Verminderung des sexuellen Verlangens führen. Beispielsweise können moralische Vorstellungen, Scham über das veränderte Körperbild, aber auch psychische Ursachen wie eine Altersdepression die sexuelle Appetenz verändern. Ein weiterer Aspekt können veränderte Lebensumstände darstellen, zum Beispiel kann sich das Ausleben der Sexualität nach dem Umzug in ein Pflegeheim schwierig gestalten, oder demente Veränderungen des Partners führen zu einem Abflauen der Lust auf geschlechtlichen Kontakt.
- Erregungsstörungen: Als Erregungsstörung werden Funktionseinschränkungen bezeichnet, die sich auf die weibliche Sexualität beziehen und sich häufig bereits nach den Wechseljahren in Form einer während der sexuellen Erregung trockeneren und engeren Scheide bemerkbar machen. Eine weitere Ursache können auch die Behandlung verschiedener Krebsarten darstellen, bei denen eine Bestrahlung des Bauchraumes zu ähnlichen Veränderungen führt. Dadurch kann der Geschlechtsverkehr als unangenehm oder schmerzhaft empfunden werden. Das Verwenden von Gleitmitteln kann diese Störung weitgehend beheben.
- Erektionsstörungen: Die bedeutendste Funktionsstörung des Mannes bezieht sich auf die Erektion und wird auch als erektile Dysfunktion bezeichnet. Altersbedingt, aber auch durch Medikamente, Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck oder als Folge des Rauchens, kommt es zu einer Verengung der Blutgefäße im Penis, wodurch dieser nicht mehr die für eine stabile Erektion notwendige Blutmenge erhält. Neben weiteren Ursachen, wie beispielsweise Versagensängsten, können Tumore oder die Folgen einer in diesem Bereich stattgefundenen Operation sein. Behandelbar sind diese Störungen je nach ihrer Entstehung beispielsweise mit Medikamenten wie PDE-5-Hemmern oder Apomorphin, einer Schwellkörper-Auto-Injektionstherapie oder der urethralen Gabe von Prostaglandin.
- Schmerzen beim sexuellen Verkehr: Neben den durch körperliche Erkrankungen bei bestimmten Bewegungen verursachten Schmerzen, beispielsweise durch eine Hüftgelenksarthrose, können auch Operationen wie die Entfernung der Gebärmutter, Krebserkrankungen im Bereich des Enddarmes oder der Prostata oder bereits die Angst vor eintretenden Schmerzen die Sexualität stören. Diese Schmerzen sind bei Frauen in allen Lebensaltern als Dyspareunie bezeichnet und lassen sich je nach ihrer Ursache durch den Einsatz anderer Sexstellungen oder unter Umständen auch mit Hilfe einer Schmerztherapie beseitigen.
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Mit zunehmendem Alter treten verschiedene Krankheiten häufiger auf, die eine zeitweilige oder dauerhafte medikamentöse Behandlung notwendig machen. Manche dieser Medikamente beeinflussen die sexuelle Empfindsamkeit oder die sexuelle Aktivität nachhaltig, zu diesen gehören beispielsweise Psychopharmaka und blutdrucksenkende Medikamente.