Allgemein
Was ist Schmerz?
Schmerz ist aus biologischer Sicht ein nützliches „Frühwarnsystem“ auf schädliche Reize, die von außen auf uns einwirken oder im Innern unseres Körpers vor sich gehen. Schmerzen können sowohl Begleiterscheinung (akuter Schmerz und Attackenschmerz) als auch eine eigenständige Krankheit (chronischer Schmerz) sein.
Akute Schmerzen treten im unmittelbaren Zusammenhang mit einer Erkrankung oder Verletzung auf – wie bei einer Blinddarmentzündung oder einem Knochenbruch. Attackenschmerzen sind in Abständen auftretende Schmerzen – hierzu gehören am häufigsten Migräne oder Rückenschmerzen. Diese Art von Schmerzen sagt uns, dass etwas mit unserem Körper „nicht in Ordnung ist“, sie fordern uns auf, etwas zur Wiederherstellung der Gesundheit zu tun.
Chronische Schmerzen entwickeln sich aus akuten oder Attackenschmerzen, die auf Grund bestimmter biochemischer Prozesse (nozizeptiver Schmerz, s. Schmerzursachen) im Gehirn „dauerhaft“ werden oder sie sind die Folge von Nervenverletzungen (neuropathischer Schmerz, s. Schmerzursachen).
Chronische Schmerzen haben keinerlei Warnfunktion mehr, sie haben sich als eigenständiges Phänomen „verselbstständigt“. Oftmals ist ein Zusammenhang zu einer körperlichen (somatischen) Ursache nicht oder nicht mehr herstellbar. Von chronischen Schmerzen können alle Regionen des Körpers betroffen sein; häufig fließen auch seelische und soziale Komponenten in das Krankheitsbild mit ein.
Symptome
Es gibt einige typische Anzeichen und Risikofaktoren, die auf eine Chronifizierung von Schmerzen mit fortschreitendem Charakter verweisen. Dazu gehört, dass Schmerzen, die zunächst eher selten auftraten, mit der Zeit immer häufiger wiederkehren – und auch immer länger andauern.
Zudem breiten sich chronische Schmerzen oftmals räumlich aus: Ein Kopfschmerz, der anfänglich nur im Schläfenbereich wahrgenommen worden ist, kann auf einmal den ganzen Schädel betreffen oder sich zusätzlich auf andere Körperstellen verlagern, beispielsweise den Rücken, Gelenke oder andere Regionen.
Ein drittes Merkmal ist die Intensität des Schmerzes. Bei anderen Schmerzarten variiert die Stärke des Schmerzes, er ist mal stärker und mal schwächer. Patienten mit chronischen Schmerzen hingegen beschreiben ihre Schmerzen als unveränderlich und nicht beeinflussbar.
Chronische Schmerzen lösen in fast allen Fällen auch psychische Leiden aus. Die Palette der Symptome reicht von Antriebsarmut, Verlust des Selbstwertgefühls oder Verzweiflung bis hin zu Angstgefühlen und Depressionen.
Ebenso treten in der Folge einer Schmerzchronifizierung häufig „allgemeine“ Beschwerden wie eine Reizblase oder ein Reizdarm, Schwindel, Herzklopfen oder ein Engegefühl in der Brust auf.
Ursachen
Beim chronischen Schmerz werden zwei Entstehungsursachen unterschieden:
Nozizeptiver Schmerz
An der Entstehung von nozizeptiven Schmerzen sind sowohl das periphere (Haut, innere Gewebe und Organe) als auch das zentrale (Gehirn und Rückenmark) Nervensystem beteiligt.
Mehr als 80 Prozent aller in der Peripherie befindlichen Nervenfasern sind an der Schmerzverarbeitung und dem Schmerzempfinden beteiligt. Über spezifische Rezeptoren, so genannte Nozizeptoren, die von fein verzweigten Nervenendigungen durchzogen sind, werden die Schmerzreize von den „Außenbezirken“ bis zum Rückenmark und in das Gehirn weitergeleitet. Auf diesem Weg nehmen die Verzweigungen der primären Nervenfasern Kontakt zu den weiterführenden, sekundären Nervenfasern und erzeugen in diesen ebenfalls elektrische Signale.
Bei dieser „Weiterschaltung“ der Schmerzsignale sind unterschiedliche Überträgerstoffe dafür verantwortlich, ob ein Schmerz kürzer oder länger andauert. Durch starke und länger andauernde Signale der primären Schmerzfasern werden die Überträgersubstanzen an ihren Schaltstellen im Rückenmark biochemisch mehrfach verändert und auf diese Weise die Schmerzsensibilität der sekundären Nervenzellen deutlich erhöht.
So entsteht ein sich selbst verstärkender Mechanismus, die so genannte Schmerzspirale – ein typisches Zeichen für die Chronifizierung von Schmerzen. Die sekundären Nervenzellen senden auch dann Schmerzsignale an das Gehirn, wenn aus der Peripherie gar kein Signalstrom mehr eintrifft.
Im Gehirn schließlich findet – in unterschiedlichen Arealen mit jeweils spezifischen Wahrnehmungssystemen – die dritte Ebene der Verschaltung und Verarbeitung von Schmerzreizen statt.
Da gibt es beispielsweise eine Region, in der die Informationen für eine bewusste Wahrnehmung des Schmerzes angesiedelt sind (der Schmerz macht sich bemerkbar) und parallel dazu eine Region, in der die emotionale Seite des Schmerzes verarbeitet wird (Welche Gefühle löst der Schmerz bei mir aus?). Ein weiteres System in einer anderen Region bewirkt, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf den Schmerz lenken (Welche Dominanz hat der Schmerz in meinem Bewusstsein?) und schließlich gibt es noch einen Bereich, in dem die „Einschätzung“ der Schmerzen bezüglich ihrer Dauer oder „Bedrohlichkeit“ gesteuert wird (Wie erträglich respektive unerträglich ist der Schmerz?).
Neuropathischer Schmerz
Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn die Nervenfasern selber geschädigt oder zerstört sind. Die Nervenbahnen sind strukturell verändert, wodurch es zu unterschiedlichen Störungen wie Missempfindungen, Taubheitsgefühl oder zu scheinbar „grundlosen“ brennenden Schmerzen kommt. Häufig sind es die Folgen von Alkoholismus, Diabetes mellitus, Gürtelrose oder Tumoren, die zu neuropathischen Schmerzen führen. Aber auch Unfälle, Verletzungen oder Operationsfehler kommen als Gründe für neuropathische Schmerzen in Frage.